Preisträger*innenprojekt 2019

Verkaufsladen - pro mente Kärnten

Preisträger*innenprojekt 2017

Laudatio Univ.-Prof. Dr. Peter Gstettner "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." mit diesen Worten beschrieb Sieglinde Trannacher selbst ihr Engagement und den Einsatz fü...

Preisträger*innenprojekt 2020

HERA, ein Projekt des Mädchenzentrums in Kooperation mit der WIFF Frauen- und Familienberatungsstelle Völkermarkt und der Flüchtlingsarbeit der Diakonie de La Tour, zielt auf Empowerment- und Präven...

Idee: Die handwerklichen Produkten aus dem sozialpsychiatrischen Tageszentrum Klagenfurt werden von den KlientInnen selbst verkauft.
Zielgruppe: Die Bevölkerung von Klagenfurt am Wörthersee.

Laudatio

von Peter Gstettner zur Überreichung der Auszeichnung

am 20.2.2019

um 18:00 Uhr

im Hilda-Schärf-Haus der Volkshilfe in Klagenfurt/Celovec

Von den Jurymitgliedern bin ich zum Laudator für das pro mente Kärnten Preisträger-Projekt „VERKAUFSLADEN“ bestimmt worden. Der „Verkaufsladen“ ist eine auf das Jahr 2011 zurückgehende Einrichtung des Sozialpsychiatrischen Tageszentrums  Klagenfurt.

Laut Projektbeschreibung werden im „Verkaufsladen“, der sich heute  in der Bahnhofstraße 21 befindet, handwerkliche Produkte zum Verkauf angeboten, die Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen an betreuten Arbeitsplätzen im Tageszentrum herstellen. Die arbeitstherapeutische Beschäftigung ist Teil einer spezifischen Methode, die pro mente Kärnten für die Behandlung und Rehabilitation dieser Menschen entwickelt hat.

Welches Warenangebot erwartet uns im „Verkaufsladen“ in der Bahnhofstrasse 21? Es sind zumeist kleine Dinge, die etwas mit unserem Alltag und unserer Lebenswelt zu tun haben, weil sie von Menschen hergestellt werden, die diese Lebenswelt mit uns teilen.

Es sind kleine Dinge (zeigen), wie z. B. eine Katze aus Holz, die als Türstopperin funktioniert, eine Seifenschale oder ein Rauchstäbchenhalter aus Keramik, künstlerisch gestaltete Billets, mit denen Sie ihren FreundInnen Glück wünschen können usw.  

Es sind Dinge, die beweisen, dass im Wege der Produktion bzw. des Verkaufs eine „Eingliederung“ der betroffenen Menschen in unseren sozialen Alltag möglich ist. Ich sage bewusst nicht, dass dieser therapeutische Ansatz bereits die Eingliederung in unsere Arbeitswelt garantiert. Nein, es ist nicht Aufgabe einer sozialpsychiatrischen Einrichtung, beeinträchtigte Menschen wieder zu aktiven „Leistungsträgern“ zu machen, die fit sind für eine Rückkehr in die Wettbewerbs- und Konkurrenzstruktur unserer Arbeitswelt, in eine Struktur, an der die KlientInnen bereits einmal gescheitert und zerbrochen sind. Solche gesellschaftlichen Verhältnisse können keine Anpassungsnorm für eine nachhaltige Rehabilitation darstellen.

Pro mente hat, wie viele andere Hilfsorganisationen, wie etwa die Caritas, die Volkshilfe oder das Hilfswerk, andere Aufgaben übernommen, die heute im expandierenden gesellschaftlichen Sektor der Sozial- und Betreuungsarbeit nicht nur unterbezahlt sind, sondern die staatlicherseits mehr und mehr in Misskredit gebracht werden. Was nichts anderes bedeutet, als: Die humanitären Aufgaben werden vom Staat als  nutzlose und verzichtbare finanzielle Belastungen eingeschätzt, da sie nur nicht-wertschöpfende Ausgaben verursachen. Der geringe „Wert“, den der Staat den humanitären Leistungen der nicht-staatlichen Organisationen beimisst, ist auch daran erkennbar, wie die Lohnverhandlungen verlaufen, wie und wo überall staatliche Förderungen gekürzt werden und mit welchen Argumenten der Staat selbst auf einen Teil des Spendenaufkommens zugreifen möchte, das die nicht-staatlichen Organisationen für ihre humanitären Leistungen einwerben. Dabei spreche ich noch gar nicht von der Art und Weise, wie von staatlicher Seite die im Mittelmeer durch private Hilfsorganisationen geleistete Seenotrettung in zunehmendem Maße kriminalisiert wird.

Alle Organisationen, mit denen wir es zu tun haben, betreiben - im symbolischen Sinn - eine Art „Seenotrettung“. Oft ist es eine soziale und psychische „Seenotrettung“ von Menschen, die im eisigen Meer unserer Leistungsgesellschaft und an der Härte unserer zwischenmenschlichen Beziehungen gescheitert sind. Die Gestrandeten zu Sündenböcken zu machen und die Hilfsorganisationen zu diskreditieren, ist Ziel der populistischen Politik. Dieses Programm als „Politik für die eigenen Leute“ verkaufen zu wollen, ist erbärmlich.   

Der „Sieglinde Trannacher Würdigungspreises“ kann diesen gesamtgesellschaftlichen Tendenzen nur wenig entgegen halten. Das Wenige kann aber doch ein kleines Zeichen dafür sein, dass es in Nischen unserer Gesellschaft gelebte soziale humane Alternativen gibt. In diesem Sinne kann das Preisträger-Projekt als ein Glied in einer sozialtherapeutischen „Rettungskette“ angesehen werden. Ein starkes Schlussglied in dieser Kette ist der Verkauf der Produkte, die eben keine Serienanfertigungen nach Art einer Fließbandproduktion sind, sondern „Unikate“. Alle Produkte sind zeitaufwendig und liebevoll hergestellte Einzelstücke, in die nicht nur die Kreativität der Klientinnen und Klienten eingegangen ist sondern auch ihr Wunsch, dem Käufer bzw. der Käuferin eine kleine Freude zu bereiten. Der Gesichtspunkt der Nützlichkeit, also die Frage, „Brauche ich das Produkt unbedingt in meinem Alltag?“, steht nicht im Vordergrund, sondern die Idee, eine andere Art der Produktion und des Vertriebs zu installieren. Die andere Art des Vertriebs zeigt sich auch daran, dass der „Verkaufsladen“ auch Frauen beschäftigt, die sich als Verkäuferinnen der anderen Art, nämlich als „Botschafterinnen“ für diese besondere Einrichtung verstehen.

Zusammenfassend:  Dem „Verkaufsladen“ wurde von der Jury der Sieglinde Trannacher Würdigungspreis zugesprochen, weil uns dieses Projekt eindrücklich auf andere gesellschaftliche Notwendigkeiten und Bedürfnisse aufmerksam macht, nämlich auf die der Teilhabe von bedürftigen Menschen an einer sinnstiftenden Beschäftigung und auf die Möglichkeit, durch die handwerkliche Bearbeitung von ursprünglichem Material etwas zu schaffen, das gesellschaftliche Anerkennung genießt. Und das stellt das Projekt in Aussicht: Die Einlösung des Wunsches aller Menschen, in der Mitte der Gesellschaft wahrgenommen und angenommen zu werden. Und noch etwas. Mit diesem Projekt kommt ein wesentlicher Wert unseres Da-Seins in dieser Stadt und in diesem Land zum Tragen: Die Solidarität einer menschlichen Gemeinschaft, die sich der großen und kleinen Nöte des Mitmenschen annimmt, ist eine Ressource, mit der wir gegen die Verwahrlosung und Zersetzung kollektiver Verantwortlichkeit ankämpfen können.