Weiterentwicklungskonzept

Positionspapier

Positionspapier zur Entwicklung eines “Instituts für soziale Arbeit und Armutsforschung” im Rahmen des Kärntner Netzwerkes gegen Armut und Soziale Ausgrenzung

Ausgangslage und inhaltliche Vorschläge zur Weiterentwicklung des Kärntner Armutsnetzwerkes

Das Kärntner Netzwerk gegen Armut und Soziale Ausgrenzung wurde im Juni 2007 mit einer Vernetzungsveranstaltung „Gesichter der Armut“ reaktiviert. Von Juli 2007 bis Jänner 2008 wurden große Anstrengungen unternommen eine entsprechende Infrastruktur zu entwickeln, um funktionsfähig zu sein.

Zur Entwicklung der Infrastruktur gehörten folgende Aktivitäten:

Errichtung einer arbeits- und funktionstüchtigen Büroinfrastruktur,
Einrichtung und Konzeption der Webpage: www.armutsnetzwerk.at Inhalte, Design, Service und fortlaufende Aktualisierung und Wartung,
Aktive Anwerbung von Mitgliedsorganisationen durch persönliche Gespräche, um Vertrauen aufzubauen und die Zielvorstellungen und Vorhaben vorzustellen,
Darüber hinaus wurde die Mitgliederkartei aktualisiert und neue Mitglieder angeworben,
Ein wichtiger erster inhaltlicher Schritt war die Konzeptionierung, Planung und Durchführung der 3. Kärntner Armutskonferenz zu „Perspektiven gegen Armut und Soziale Ausgrenzung“ (vgl. umfangreicher Tagungsband),
In diesem Zusammenhang wurde eine umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit zur Armutsproblematik geleistet: ORF-Interviews, Zeitungsbeiträge, Beteiligung an der Radiosendung „Streitkultur“,
In Verbindung damit wurde eine umfangreiche Publikation „Armut, Gesellschaft und Soziale Arbeit – Perspektiven gegen Armut und Sozialer Arbeit“ vorbereitet und abgeschlossen, die als Tagungsband zur 3. Kärntner Armutskonferenz gelten kann. Der Tagungsband zeigt nicht nur die Komplexität des Armutsproblems im 21. Jahrhundert auf, sondern beinhaltet auch viele Anregungen zu Maßnahmen und Strategien der Armutsbekämpfung in unterschiedlichen Politikfeldern (z. B. Wohnungspolitik, Sozial- und Familienpolitik, Arbeitsmarktpolitik, Bildungspolitik).
Präsentation des Tagungsbandes zur 3. Kärntner Armutskonferenz im Oman Saal der Alpen-Adria Universität Klagenfurt.
Darüber hinaus wurde über das Kärntner Armutsnetzwerk eine AK-Studie zum Problem „Working Poor“ durchgeführt, die bei der nächsten Mitgliederversammlung vorgestellt werden soll. 

a)
Entwicklung eines Leitbildes Die Entwicklung eines Leitbildes des Kärntner Armutsnetzwerkes ist die Voraussetzung für ein zukunftsorientiertes, zivilgesellschaftliches Engagement. Das Leitbild soll die Ziele, das Aufgabenprofil der MitarbeiterInnen, die Organisationsstruktur, die inhaltlichen Arbeitsschwerpunkte, die Arbeitsprinzipien und Leistungen beschreiben, mit dem Ziel die Mitgliedsorganisationen des Kärntner Armutsnetzwerkes aktiv und professionell einzubinden. Das dabei zugrunde liegende Menschenbild soll der Leitvorstellung folgen, das alle Menschen das gleiche Recht auf Lebens- und Persönlichkeitsentwicklung, unabhängig vom Geschlecht, von Menschen verschiedener Generationen und unterschiedlicher sozialer, ethnischer und kultureller Herkunft haben. Dabei soll von der „Mündigkeit und Selbstbestimmung“ der Menschen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen sowie vom Aufbau der sozialen Teilhabechancen in unterschiedlichen Lebensbereichen (z. B. Wohnen, Arbeiten, Beteiligung am kulturellen und politischen Leben) ausgegangen werden.

b)
Konstituierung eines Fachbeirates mit Themenschwerpunkten Die Mitgliedsorganisationen im Kärntner Armutsnetzwerk sollen die Möglichkeit haben, sich inhaltlich stärker einzubringen. Sie verfügen in ihrer jeweiligen Institution über vielfältiges und differenziertes Erfahrungs- und Expertenwissen, das sie ins Armutsnetzwerk einbringen können. Die einzelnen Mitgliedsorganisationen sollen als Institutionen dem Fachbeirat angehören. Die einzelnen Mitgliedsorganisationen sollen je nach Interessensschwerpunkten VertreterInnen in die fünf Beiratsteams (vgl. Organigramm) zu spezifischen Themenschwerpunkten entsenden. Anregungen und Vorschläge für Maßnahmen und Strategien zur Armutsbekämpfung können dann im Bereich von Wohnen, Arbeit, Bildung u. a. vom Vorstand aufgegriffen, diskutiert und in entsprechende Entwicklungsprogramme bzw. Praxisprojekte in Kooperation mit anderen sozialen Institutionen umgesetzt werden. Damit soll eine aktive Mitgestaltung der einzelnen Organisationen gewährleistet werden und ein konstruktives Armutsnetzwerk entstehen.

c)
Entwicklungen einer Veranstaltungsreihe im Rahmen „Sozialer Gespräche“ Die regelmäßige Durchführung von „Sozialen Gesprächen“ über spezifische Themen der Armutsgefährdung und akuter Armut als politische und sozialpädagogische Herausforderung soll zur Sensibilisierung von Politik, Wirtschaft und breiter Öffentlichkeit für die tief greifenden Sorgen und Ängste der „armen“ und „armutsgefährdeten“ Menschen und gesellschaftlichen Gruppen dienen. Dabei sollen nicht nur Experten zu Wort kommen, sondern vor allem die unmittelbar betroffenen Menschen. Sie alleine wissen über ihre soziale Lebenslage und entsprechende Verbesserungsmöglichkeiten am besten Bescheid. Beispielsweise könnten folgende Themen aufgegriffen werden:

  • Wohnen und Armut
  • Arbeitsverhältnisse, Entlohnung und Armut
  • Bildungsbenachteiligung und Armut
  • Konsum, Lebensmittelpreise und Armut
  • Soziale Beziehungen in der Familie und Armut
  • Frauen und Armut
  • Kinder, Jugendliche und Armut
  • Gesundheit und Armut
  • Freizeitgestaltung, kulturelle Teilhabe und Armut usw.

Die aus diesen sozialen Gesprächen gewonnenen Erfahrungen und Verbesserungsvorschlägen sollten wiederum in politische Maßnahmen zur Bekämpfung der Armutsgefährdung und Armut einfließen

d)
Stellungnahme zur Einführung der bedarfsorientierten Mindestsicherung und aktueller Ereignisse Die Einführung der bedarfsorientierten Mindestsicherung 2009 stellt auch für das Kärntner Armutsnetzwerk die Herausforderung dar, ihre Standpunkte in der Öffentlichkeit klar zu positionieren.

Zunächst sind die gesetzlichen Vorlagen unter Einbindung der Mitgliedsorganisationen zu begutachten und auf die Stellungnahmen der Armutsnetzwerke der anderen Bundesländer (z. B. Salzburg, Oberösterreich) und der österreichischen Armutskonferenz abzustimmen. Eine gemeinsame Konferenz der regionalen Armutsnetzwerke ist zu organisieren. Die Eckpunkte für die zukünftige Öffentlichkeitsarbeit zur bedarfsorientierten Mindestsicherung sind gemeinsam mit den Mitgliedsorganisationen zu klären und die Einbindung in den europäischen Kontext zur Armutsbekämpfung anzustreben.

In diesem Kontext ist eine „Evaluation der bedarfsorientierten Mindestsicherung“ in Kärnten in Kooperation mit den anderen Bundesländern Voraussetzung für Verbesserungsvorschläge und Weiterentwicklung der bedarfsorientierten Mindestsicherung. Darüber hinaus sollte eine Positionierung im Hinblick auf die Arbeitsmarktpolitik erfolgen, insbesondere hinsichtlich der „Prüfung der Erwerbsfähigkeit“, der „Zumutbarkeitsbestimmungen“ und des 2. und 3. Arbeitsmarktes.

In Verbindung damit ist darauf zu achten, dass das Arbeitsmarktservice (AMS) dabei unterstützt wird, passende Angebote für die betroffenen MindestsicherungsbezieherInnen zu entwickeln, ein Weiterbildungsangebot für AMS MitarbeiterInnen und BeamtInnen als Begleitmaßnahme anzubieten, um die vielfältigen Problemlagen im Bereich des Wohnens, der Kinderbetreuung, der gesundheitlichen Beeinträchtigungen, der Schuldenregulierung bearbeiten zu können.

Schließlich soll das Kärntner Armutsnetzwerk stärker auf aktuelle Ereignisse und Probleme wie z. B. auf die erhöhten Wohnungskosten, Lebensmittel- und Energiepreise in öffentlichen Medien (Zeitungen, ORF, Diskussionen) Stellung nehmen und Vorschläge zur Verbesserung der Lebenssituation der armutsgefährdeten Menschen einbringen.

e)
Aufbau eines Armutsforschungsnetzwerkes zur Politikberatung Die 3. Kärntner Armutskonferenz und der in diesem Zusammenhang entstandene Tagungsband „Armut, Gesellschaft und Soziale Arbeit – Perspektiven gegen Armut und Soziale Ausgrenzung in Österreich“ bietet eine hervorragende Möglichkeit ein gesamtösterreichisches Armutsforschungsnetzwerk aufzubauen und die schon bestehenden wissenschaftlichen Kontakte und Beziehungen zu nützen, um entsprechende Grundlagenforschung für die nationale und regionale „Armuts- und Reichtumsentwicklung“ zu betreiben, um die Politikfelder (Wohnungspolitik, Arbeitsmarktpolitik, Frauenpolitik, Kinder- und Jugendpolitik, Bildungspolitik u. a.) zur Bekämpfung der Armut im reichen Land Österreich zu unterstützen.

Beispielsweise könnten folgende Forschungs- und Entwicklungsprojekte vom Armutsforschungsnetzwerk durchgeführt werden:

  • Soziale Lebenslage von Mindestsicherungsempfängern,
  • Wohnen und Armut,
  • Familien und Armut, Frauen und Armut,
  • Kinder, Jugendliche und Armut,
  • Behinderte Menschen und Armut, - MigrantInnen und Armut,
  • Armut im ländlichen Raum usw.

Dabei geht es keineswegs darum nur quantitative Daten zu erheben, sondern im Sinne einer „dynamischen Armutsforschung“ die spezifischen Lebenslagen im Kontext biographischer Entwicklungen und Lebensläufe darzustellen und die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. Sie wissen am besten über Bedürfnisse, Schwierigkeiten und Verbesserungsmöglichkeiten bescheid. Ein solcher qualitativer Forschungsansatz wäre daher für die beratende Unterstützung der Politik zur Entwicklung von Maßnahmen und Strategien der Armutsbekämpfung in Kärnten viel hilfreicher, weil daraus ganz konkrete Praxisprojekte (z. B. zur Integration in den Arbeitsmarkt, der Wohnungssuchenden, der behinderten Menschen) entwickelt werden können.

f)
Langfristige Absicherung des Kärntner Armutsnetzwerkes Zur Umsetzung der inhaltlichen Vorschläge zur Weiterentwicklung des Kärntner Armutsnetzwerkes bedarf es nicht nur sozialpolitisch engagierter Persönlichkeiten im Vorstand und das engagierte inhaltliche Einbringen der Mitgliedsorganisationen, sondern auch einer langfristigen Absicherung.

 Mitgliedsbeiträge reichen bei weitem nicht aus, um die angesprochenen Projekte zu realisieren. Es ist daher zu überlegen, wie man langfristig das Kärntner Armutsnetzwerk absichern kann.